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02.07.2009: AKW-Sicherheit "Im Notfall droht Versagen"

Wie heute die Deutsche Umwelthilfe in der neuen Ausgabe von zeo2 öffentlich gemacht hat, bemühen sich seit Jahrzehnten Reaktorexperten der Industrie und staatliche Sicherheitsfachleute ein so banal scheinendes wie brisantes Problem zu lösen. Bisher vergeblich. Bei einem Kühlmittelverlust würde in manchen Fällen die eingeplante Notmaßnahme, über sogenannte Sumpfpumpen wieder Wasser in die überlebenswichtige Kühlung zu drücken, versagen. Der Unfall mit Totalschaden des Gundremminger Blocks A am 13. Januar 1977 spielt hierbei, wie jetzt erstmals öffentlich wird, eine Rolle.

Ein Versagen der Notfallpumpen ist, als wenn bei einem PKW, der eine Vollbremsung machen muss, und es zufällig kälter als minus fünf Grad ist, die Bremsflüssigkeit verklumpte und so die Bremse ausfiel.

Da selbst nach Abschaltung eines Reaktors der nur langsam zurückgehende Kernzerfall noch gewaltige Wärmemengen frei setzt, die bei Nichtableitung zum Kernschmelzunfall und somit zur Reaktorzerstörung und katastrophalen Freisetzung von Radioaktivität führen würden, sind alle Reaktoren unter andrem mit einem Sumpfsystem für den Notfall ausgestattet: Entweichendes Wasser wird aus dem Gebäude mit Sumpfpumpen wieder in den Kühlkreislauf gedrückt. Vor diesen Pumpen sitzen Siebe.

Mehrfach ist es bisher bei Störfällen mit Leckagen passiert, dass Wasserstrahlen in großen Mengen Isoliermaterial von Rohrleitungen und Behälterwänden gelöst haben. Dieses wurde zusammen mit Korrosionsprodukten zu den Pumpen gezogen und verstopfte dort die Siebe, so dass die Pumpen ausfielen.

Ein gravierender Fall, der bisher nicht öffentlich gemacht worden ist und relativ glücklich ausging, ereignete sich am 13. Januar 1977 in Deutschlands erstem kommerziellem Großkernkraftwerk, dem Block A in Gundremmingen. Bei einer in Folge eines Kurzschlusses notwendigen Schnellabschaltung riss ein falsch ausgelegtes Sicherheits- und Entlastungsventil. Heißes, radioaktives Wasser schoss unter hohem Druck heraus, traf Isoliermaterial, löste dies ab und schwemmte es zu den Pumpen.
Da jedoch eine Notkondensation funktionierte, brauchten die Sumpfpumpen nicht zu arbeiten. Der Reaktor konnte abgeschaltet und die erforderlichen Tage und Wochen ausreichend gekühlt werden. Allerdings wurden einige Anlagenteile stark geschädigt, so dass der Unfall zum Totalschaden führte.

Als der Reaktor abgeschaltet und die Anlage etwas dekontaminiert worden war, wurde der Atommeiler inspiziert: Dabei fand man sowohl nicht erwartete gefährliche Rohranrisse als auch viel Isoliermaterial vor den Sieben, das bei einem Einschalten der Sumpfpumpen diese nach einiger Zeit verstopft hätte.

Gott sei Dank ist die Wahrscheinlichkeit großer Atomunfälle wohl nicht so hoch. Sie geschehen „nur“ alle paar Jahre: September 1957 im russischen Majak und im Oktober 1957 im englischen Windscale (heute Sellafield), im Januar 1969 in Lucens (Schweiz), im März 1979 im amerikanischen Harrisburg, im März 1980 im französischen Saint Laurent, im September 1982 und dann im April 1986 im ukrainischen Tschernobyl, im Dezember 2001 in Brunsbüttel in Schleswig-Holstein, im April 2003 im ungarischen AKW Paks, im Juli 2006 im schwedischen AKW Forsmark und im Juli 2007 im japanischen AKW Kashiwazaki. Und von diesen Unfällen führten vermutlich „nur“ drei oder vier zu sofortigen Strahlentoten und zu zig oder tausenden späteren Krebstoten.

Das Einzigartige an großen AKW-Unfällen ist, dass nicht nur die Menschen auf dem Betriebsgelände und in der näheren Umgebung verletzt oder getötet werden, sondern die Menschen vieler Landkreise direkt durch die Strahlenkrankheit oder langfristig durch Krebsverursachung leiden und sterben.
Dies würde zur Evakuierung hunderttausender Menschen und jahrhundertelanger Sperrung von Landkreisen führen. Große AKW-Unfälle sind zwar relativ selten, sind aber lebens- und sogar landesgefährlich.
Eine Dimension, die mit anderen katastrophalen Unfällen, wie wir sie in Chemiefabriken oder bei Tankwagen erleben, nicht vergleichbar ist. Auch die Jahrzehnte und Jahrhunderte anhaltenden Folgen sprengen unsere heutigen Erfahrungen und Vorstellungen.

Seit Jahrzehnten beraten die Experten über das scheinbar banale Isoliermaterialproblem. Die Deutsche Umwelthilfe machte heute öffentlich, dass im März 2009 die Reaktorsicherheitskommission (RSK) und die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) als Berater- und Gutachterorganisationen der Bundesregierung übereinstimmend erklärt haben, dass der sicherheitstechnische Nachweis zur Beherrschung entsprechender Störfälle nicht erbracht sei. Viele experimentelle Versuche mit unterschiedlichem Isoliermaterial und verschiedenartigen Siebgrößen haben bisher noch nicht zu einem Sicherheitsnachweis geführt.
Um noch mal den Vergleich zu machen: Autohersteller müssen nachweisen, dass ihre Wagen auch bei minus fünf Grad die Vollbremsung beherrschen. Die AKW-Betreiber hingegen können nicht nachweisen, dass im Notfall auch ihre Sumpfpumpen arbeiten werden.
Bei den älter werdenden Reaktoren nehmen zudem die Probleme mit Rostpartikeln und Rohranrissen zu. Nur weil dieser Sachverhalt bisher nicht öffentlich war, entstand kein ausreichender Druck auf die AKW-Betreiber.